Archiv für November 2010

Bericht von der antirassistischen Demonstration

Am Donnerstag, dem 4.11.2010, haben über 1.200 Menschen in Leipzig gegen Rassismus demonstriert. Die Demonstration fand 11 Tage nach der Ermordung des 19-jährigen Kamal K. durch zwei Nazis statt. Diese haben den Jugendlichen am Hauptbahnhof in der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober mit mehreren Messerstichen brutal niedergestochen, so dass Kamal kurz darauf im Krankenhaus seinen Verletzungen erlag.

Anlässlich dieses Mordes, aber auch weil Rassismus und die daraus folgenden Formen von Angriffen, Ausgrenzungen und Diskriminierungen bitterer Alltag sind, hatte der Initiativkreis Antirassismus zu dieser Demonstration unter dem Motto „Angst und Trauer überwinden – Zusammen gegen Rassismus kämpfen“ aufgerufen. Die Demonstration zog, begleitet von lautstarken antirassistischen Protestrufen, vom Südplatz die Karl-Liebknecht-Straße, den Peterssteinweg durch die Innenstadt bis hin zum Bahnhofsvorplatz – dem Ort, an dem Kamal K. ermordet wurde. Neben der Auftaktkundgebung am Südplatz fanden 2 Zwischenkundgebungen am LVZ-Gebäude sowie dem Polizeirevier in der City statt. Am LVZ-Gebäude thematisierten mehrere Redebeiträge die immer wieder vorkommende rassistische Berichterstattung der größten Leipziger Zeitung sowie anderer Medien. Am Polizeirevier ging es in drei Redebeiträgen um die Ausgrenzung von Asylbewerber_innen, den Mord an dem Obdachlosen Karl-Heinz T. sowie die pauschale Kriminalisierung von „Ausländern“.

Immer wieder schlossen sich entlang der Route einzelne Umstehende an, andere wiederum schienen sich jedoch für die Demonstration und ihr Thema nicht zu interessieren. Entlang der Route wurden über 500 Flyer verteilt, in denen auf das Anliegen der Demonstration aufmerksam gemacht wurde. Die Teilnehmenden spendeten zudem mehrere hundert Euro, die der Familie Kamals und einer Beratungsstelle für die Betroffenen nazistischer Gewalt übergeben werden sollen.

Presseberichte zu der Demonstration sowie zu dem Mord an Kamal findet ihr im Bereich Pressespiegel. Die Redebeiträge, den Aufruf wie auch einige Bilder und weitere Informationen finden sich hier.

Wir als Veranstalter_innen können von der Demonstration ein ingesamt sehr gutes Résumée ziehen, und bedanken und bei den zahlreichen Helfer_innen und Teilnehmenden. Schade fanden wir jedoch, dass trotz der ausdrücklichen Bitte, dieses Thema und diesen Anlass nicht für politische Werbezwecke für bestimmte Organisationen zu missbrauchen, einige Teilnehmende der Organisation SAV der mehrmaligen Aufforderung nicht nachgekommen sind, auf ihre entsprechende Fahne zu verzichten.

Pressemitteilung: Nach rassistischem Mord: 1200 Menschen demonstrieren durch Leipziger Innenstadt

Etwa 1200 Menschen haben heute in Leipzig gegen Rassismus und weitere menschenverachtende Einstellungen demonstriert. Anlass war die Ermordung des 19-Jährigen Kamal K. am 24. Oktober vor dem Leipziger Hauptbahnhof. Die beiden inhaftierten Täter hatten offenbar ein rassistisches Motiv. „Unsere große Demonstration hat ein wichtiges Zeichen gesetzt“, sagt Miriam Schleicher, Sprecherin des Initiativkreises Antirassismus Leipzig. Dieses hatte die Demonstration kurzfristig organisiert. „Wir sind erfreut über den großen Zulauf. Spontan wurden mehrere hundert Euro gesammelt, die wir der Familie des Ermordeten und die Opferberatungsstelle RAA spenden werden.“

An der Demonstration haben sich Menschen aus unterschiedlichen politischen Spektren beteiligt, auch Freundinnen und Freunde sowie Angehörige des Ermordeten. Im Verlauf haben sich weitere Passant_innen angeschlossen. Die Demonstration verlief ab 18 Uhr vom Südplatz (Südvorstadt) durch die City bis zum Hauptbahnhof, unweit des Tatortes. Mit einer Reihe von Redebeiträgen haben verschiedene antirassistische und antifaschistische Initiativen dabei auf die alltägliche Diskriminierung von Migrant_innen hingewiesen und darauf, dass Kamal seit 1990 bereits das sechste Todesopfer rassistischer und neonazistischer Gewalt in der Messestadt ist.

Ein Schwerpunkt der Demonstration war auch die Kritik der mitunter unzureichenden Presseberichterstattung in den Tagen nach dem Mord. Eine der Zwischenkundgebungen fand daher unmittelbar vor dem Redaktions- und Verlagsgebäude der Leipziger Volkszeitung (LVZ) statt. Teilnehmer_innen der Demonstration forderten in Sprechchören eine angemessene Berichterstattung, wandten sich außerdem gegen Abschiebungen und die Zumutungen des Asylrechts für die Betroffenen. „Wir wollen diskriminierten und entrechteten Menschen eine Stimme verleihen“, sagt Miriam Schleicher. „Diese Demonstration war ein Baustein. Weitere werden folgen.“

Ziel des Initiativkreises ist es, das Andenken an Kamal dauerhaft aufrecht zu erhalten und mit der Erinnerung an seinen Fall darauf aufmerksam zu machen, dass rassistische Gewalt keine Seltenheit ist und tragische Folgen hat. Dazu Schleicher: „Es ist die Verantwortung jedes Einzelnen, darauf hinzuwirken, Rassismus keinen Platz in unserer Gesellschaft einzuräumen. Er hat genug Unheil angerichtet.“

Die auf der Demonstration vorgetragenen Redebeiträge werden in Kürze auf der Website des Initiativkreises zur Verfügung gestellt.

Letzte Infos zur antirassistischen Demonstration

Zusammen gegen Rassismus kämpfen!
Do. (04.04.), 17.30 Uhr, Südplatz (Leipzig-Südvorstadt)

  • Der Ermittlungsausschuss (EA) ist ab 17 Uhr erreichbar: 0341 / 211 93 13 (siehe auch: Was ist der EA?)
  • Beachtet die Bitte der Veranstalter_innen, auf bestimmte Symboliken zu verzichten.
  • Dem Anlass entsprechend wird es vom Lautsprecherwagen keine Musik geben. Stimmt stattdessen in unsere Sprech-Chöre ein und bringt Transparente mit, die zum Demo-Thema Position beziehen.
  • Lasst euch nicht provozieren. Wir haben ein gemeinsames Anliegen und werden darauf lautstark aufmerksam machen – so oder so!

Auflagen

Laut Auflagenbescheid des Ordnungsamtes ist das Mitführen von Glasflaschen und Hunden (außer Blindenhunden) untersagt. Seitentransparente dürfen maximal 5 Meter lang, aber nicht verknotet sein. Fahnenstangen dürfen keine Kanthölzer, nicht länger als 2,5 Meter und nicht breiter als 3 Zentimeter (Durchmesser) sein. Außerdem nicht erlaubt: Waffen, Pyrotechnik, Vermummung, Alkohol und „Laufschritt“.

Das Bilden von Ketten (Einhaken mit den Menschen, die neben euch laufen) wird im Auflagenbescheid nicht untersagt!

Noch mehr Informationen

Falls ihr nicht nach Leipzig kommen könnt, würden wir uns über Solidaritäts-Aktionen in anderen Orten freuen!

Ermittlungsausschuss (EA) unterstützt unsere Demonstration am Donnerstag

Während der Demonstration am Donnerstag wird es einen Ermittlungsausschuss (EA) geben. Dieser ist für euch ab 17 Uhr unter der Telefonnummer

0341 / 211 93 13

erreichbar. Bitte ruft dort an, wenn ihr Polizeiübergriffe und Festnahmen beobachtet oder ihr selbst im Gewahrsam landet. Der EA kümmert sich beispielsweise darum, dass ihr im Ernstfall eine kompetente Anwält_in bekommt. Bitte meldet euch auch beim EA, wenn ihr im Nachhinein unangenehme Post bekommt, z.B. Strafanzeigen und Vorladungen. Kontaktmöglichkeiten findet ihr hier.

Polizei stürmt Solidaritäts-Demonstration in Berlin

Etwa 1500 Menschen demonstrierten gestern Abend (02.11.) in Berlin „gegen Naziterror und Repression“. Anlass waren rechte Brandanschläge und Polizeirazzien gegen antifaschistische Projekte. Thematisiert werden sollte auch der Mord an Kamal – hierzu hatte der Leipziger „Initiativkreis Antirassismus“ einen Redebeitrag vorbereitet. Gehalten werden konnte er aber nicht: Der gesamte Protestzug musste vorzeitig aufgelöst werden, nachdem die Polizei in die Demonstrationsspitze gestürmt war und Teilnehmer_innen mit Pfefferspray und Schlagstöcken grundlos verletzt hat. Wir bedauern, dass die Polizei sich nicht anders zu behelfen weiß als durch Gewalt.

Hier gibts Fotos.

Bitte beachten

Die Veranstalter_innen der antirassistischen Demonstration am Donnerstag bitten darum, auf das Mitführen von Symbolen (z.B. auf Fahnen und Transparenten)

  • von Parteien (und ihren Jugendorganisationen),
  • Nationalstaaten
  • und Organisationen mit menschenfeindlichen und reaktionären Inhalten

zu verzichten.

Solche Symbole widerstreben dem Anliegen der Demonstration. Bei dieser sollen der Mord an Kamal und das Fortbestehen rassistischer Zustände in Deutschland thematisiert und auch durch die Außenwirkung vermittelt werden. Willkommen sind daher Plakate und Transparente, die sich auf Anlass und Thema der Demonstration beziehen. Wir möchten aber keine Werbung für Parteien betreiben und politischen Bewegungen keine Plattform bieten, die selbst rassistische und nationalistische Standpunkte vertreten.

Unsere Demonstration ist prinzipiell offen für alle Menschen, die etwas gegen Rassismus haben. Selbstverständlich werden wir es nicht dulden, wenn Teilnehmer_innen sich selbst diskriminierend verhalten, beispielsweise durch mackerhafte Sprüche und sexistische Parolen gegenüber anderen Demonstrierenden oder Außenstehenden.

Pressemitteilung: Nach Mord in Leipzig: Hinweise auf rassistisches Motiv verdichten sich

Der in der Nacht zum 24. Oktober ermordete Kamal ist höchstwahrscheinlich aus rassistischen Gründen umgebracht worden. Der Initiativkreis Antirassismus Leipzig hatte auf entsprechende Indizien bereits in der vergangenen Woche hingewiesen. „Jetzt verdichten sich die Hinweise mehr und mehr“, sagt Miriam Schleicher, Sprecherin des Initiativkreises. „Und auch überregionale Zeitungen benennen jetzt die Tat als das, was sie war: ein rassistischer Mord, ein grausames Hassverbrechen.“

So berichtet etwa die heutige Ausgabe der TAZ über biografische Hintergründe des Mordverdächtigen Daniel K., der ursprünglich aus Leipzig kommt und sich vor Jahren der militanten neonazistischen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) angeschlossen hat. Die KAL ist bekannt für Gewalttaten gegen Migrant_innen und Linke. Erst vor wenigen Wochen wurde ein KAL-Mitglied wegen eines geplanten Bombenanschlags verhaftet. Daniel K. selbst saß ebenfalls wegen neonazistischer Gewalttaten in Haft. (mehr…)