Mord an Kamal K. – Staatsanwaltschaft sieht kein rassistisches Motiv

Nach dem gewaltsamen Tod von Kamal K. im Oktober in Leipzig wurde jetzt gegen zwei Täter Anklage erhoben – jedoch nicht wegen einer rassistisch motivierten Tat. (Kritische) Presseveröffentlichungen zum Thema

Artikel aus dem Neuen Deutschland, 9.2.2011

Dreieinhalb Monate, nachdem der 19 Jahre alte Kamal K. am Rande eines Parks gegenüber des Hauptbahnhofs in Leipzig verblutete, hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen die Tatverdächtigen erhoben. Dem 32 Jahre alten Markus E. und dem vier Jahre jüngeren Daniel K. werden gefährliche Körperverletzung vorgeworfen, ersterem zudem Totschlag. E. soll dem Opfer bei der nächtlichen Auseinandersetzung den Messerstich zugefügt haben, an dem Kamal K. starb. Er soll nach Darstellung von Sachsens Ausländerbeauftragtem Martin Gillo in einem Streit der Täter mit Jugendlichen interveniert haben und wurde dadurch selbst Opfer.

Die Staatsanwaltschaft erklärt indes, die genauen Hintergründe des Streits hätten nicht aufgeklärt werden können. Keine Hinweise fanden die Ermittler auch auf einen Mord; entsprechende Merkmale seien nicht erfüllt, hieß es. Für Verwunderung sorgte die Feststellung, ausreichend Hinweise auf einen ausländerfeindlichen Hintergrund hätten sich ebenfalls nicht ergeben. Es sei zwar zu begrüßen, dass »zeitnah« Anklage erhoben werde, bemerkt etwa die Leipziger LINKE-Stadträtin Juliane Nagel. Dass die Tat kein rassistisches Motiv haben solle, sei aber »weiter in Zweifel zu ziehen«.

Nagel verweist in dem Zusammenhang auf die Definition, wie sie vom Bundesinnenministeriums bei der Einordnung von Straftaten angewendet werde. Diese sind demnach als politisch motiviert zu werten, wenn die Einstellung des Täters Anhaltspunkte dafür liefert, dass politische Einstellung, Rasse, Hautfarbe oder Religion Auslöser für die Tat gewesen sein können. Das liege im konkreten Fall nahe, sagt Nagel unter Hinweis auf bekannte Details über die Täter.

Vor allem Daniel K., der freilich schon im Dezember aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, gilt als Rechtsextremer. Er soll früher der militanten Kameradschaft Aachen angehört haben, trug während der Tat ein T-Shirt mit einer eindeutigen Aufschrift und wurde während einer früheren Haftstrafe von einer rechten Hilfsorganisation betreut. Markus E., der bisher die Aussage verweigert haben soll, trägt nach Hinweisen Nagels Tätowierungen, die auf eine Nähe zur rechten Szene schließen lassen.

Für das Strafmaß nicht unerheblich dürfte die Frage des Alkoholpegels bei den Tätern sein. Der Staatsanwaltschaft zufolge waren beide in der Oktobernacht viel zu betrunken, um sich an das genaue Geschehen erinnern zu können.

Dass dies womöglich Anlass für eine Strafmilderung bieten könnte, hinterlässt nach Ansicht Nagels einen schalen Beigeschmack. Die Politikerin erinnert daran, dass auch früher rassistisch motivierte Morde auf diese Weise »entpolitisiert« und Täter entlastet worden seien. Unabhängige Initiativen verzeichnen 150 Opfer rechtsextremer Gewalt seit 1990; offiziellen Statistiken zufolge sind es aber nur 47. Nach jetzigem Stand taucht auch Kamal K. in dieser Statistik nie auf.


Veröffentlichungen zum Thema:

- indymedia, 10.2.2011 Angeblich „keine Mordmerkmale erfüllt“
- Zeit – Störungsmelder:, 9.2.2011 Anklage wegen Tod eines jungen Irakers
- Blog von Michael Klarmann, 8.2.2011 Anklage nach Tötung von Kamal K. erhoben
- LIZ, 8.2.2011 Keine Mordmerkmale erfüllt”: Staatsanwaltschaft erhebt im Fall Kamal K. Anklage wegen Totschlags
- Leserbrief zum LIZ-Artikel
– LVZ 7.2.2011 Getöteter Iraker Kamal K.: Staatsanwaltschaft Leipzig erhebt Anklage