Redebeitrag einer Einzelperson zur LVZ

Was bewegt einen Journalisten, nach einem rassistischen Nazimord das Mordopfer im Nachhinein zu verleumden? Was bewegt eine Zeitung, so unglaublich taktlos dahingeschmierten Dreck abzudrucken?
Zwei Tage nach dem Mord beschreibt die LVZ eingehend das immense Vorstrafenregister der beiden Nazimörder: Schwere Körperverletzung, Geiselnahme, Vergewaltigung. Und in der Gegenüberstellung mit Kamal, findet sie nur den zynischen Kommentar: „auch das Opfer ist kein unbeschriebens Blatt“ und „schon polizeibekannt“, als hätte das noch irgendeine Bedeutung.
Die Leipziger Volkszeitung, abgekürzt mit LVZ, genießt trotz ihrer reißerischen Kommentare nach dem Mord an Kamal einen tadellosen Ruf. An ihr kann man leicht erkennen, wie das Konzept der Volkszeitung im Osten nach 1990 funktioniert. Stupideste Inhalte, fade Berichterstattung, gutmenschlich-dümmliche Meinungskommentare, bescheuerte Interviews, ein Politikteil der buchstäblich ohne jedes kritische Wörtchen auskommt, die Themenauswahl eine Kampfansage an Bildung, Aufklärung, Vernunft und Geschmack. Insgesamt ist das Blatt so leichtverdaulich, dass es perfekt zum Kohlmief deutscher Reihenhauswohnzimmer passt.
Die LVZ ist eine der meistzitiertesten deutschen Regionalzeitungen und das führende Meinungsmedium in Leipzig, es drängt sich auf, die Verfasstheit der Gesellschaft mit ihr in Verbindung zu bringen und exemplarisch an ihr die Untersuchung der Missstände dieser Gesellschaft vorzunehmen. Bei der kritischen Beschäftigung mit deutschen Medien ist es günstig zu wissen, dass seit der Entnazifizierung *offene* Verleumdungen gegen Ausländer, Juden, Sinti und Roma in der Regel tabuisiert waren und als inopportun gelten. Es gibt Tabubrecher wie Holger Apfel, Udo Steinbach, Jürgen Möllemann und Thilo Sarrazin, es gibt den Problemkomplex Ostdeutschland und es gibt speichelleckende LVZ-Redakteure. Ende August wurde Sarrazin, Entdecker des Judengens und penetrantester Fürsprecher rechter Stammtischparolen, auf Seite 1 gehoben und vom Leitartikler mit den Worten gelobt, er argumentiere „nie in Stammtischmanier dumpf aus dem hohlen Bauch heraus, sondern beschreibt nur ungeschminkt und mit Fakten untermauert unbequeme Wahrheiten.“
Wenn in einer ostdeutschen Zeitung ungeschminkte und unbequeme Wahrheiten angezählt werden, geschieht dies in der Regel um geschminkte und sehr bequeme Unwahrheiten mit einem journalistischen Anstrich zu versehen. Wenn rassistische Stereotype bedient werden, dann nicht durch offene Verleumdung, sondern durch die Ethnisierung der Täter und das Rücken in thematische Zusammenhänge wie Raub, Kriminalität, Drogen, organisiertes Verbrechen. In der LVZ fungiert der Begriff des Ausländers schon seit Jahrzehnten als Synonym für Bedrohung, Konflikt, Kulturlosigkeit und soziale Schieflage.
„Täter illegal in Deutschland – Detektiv verfolgte Kaufhausdieb und stellte ihn in der Bahn“, „Staatsanwaltschaft: Vier Ausländer haben Prügelattacken vor Leipziger Klubs verübt“, »Etwa jeder zehnte Ausländer lebt von Stütze“, „Amtsgericht: Bei Zwangsversteigerungen von Immobilien treten immer mehr Ausländer auf“, oder es war »zu einer Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Ausländern gekommen. Dabei seien drei Leipziger verletzt worden«. Der Discokrieg wurde zusammengefasst als „Auseinandersetzung zwischen zwei Leipziger Security-Firmen auf der einen und einer Gruppe junger krimineller Ausländer auf der anderen Seite“. Schwer zu vergessen ist auch der Beitrag der LVZ zur Bestrebung einiger Rassisten aus Volckmarsdorf, eine Bürgerwehr zu gründen, um gegen die behauptete Bedrohung durch Sinti und Roma im Viertel , „das Problem selbst in die Hand zu nehmen“, die „Zigeuner“ loszuwerden. Die LVZ druckte einen Teil des offenen Briefes ab, den die Volckmarsdorfer Eingeborenen im August an die Polizei schickten, und fand dazu kein kritisches Wort. Ein weiterer von etlichen Skandalen, die diese Zeitung tagtäglich reproduziert.
Die LVZ kann zweifelsfrei als rassistisch bezeichnet werden.
Nicht zuletzt dem jahrelangen Treiben der Rassisten im Gebäude ist es zu verschulden, dass in Leipzig ein ekelhaftes rassistisches Klima herrscht, in dem Kamal wegen seiner Hautfarbe als Ausländer gilt, den zu ermorden von den meisten Leipzigern nur Schulterzucken hervorruft. Nazis morden, der Staat schiebt ab und die Leipziger unternehmen überhaupt garnichts oder fallen in den rassistischen Tenor ein. „Selbst schuld“ kann man im LVZ-Forum lesen. „Sollen sich halt Ausländer und Extremisten prügeln“. „Ich erinnere an die zahlreichen geduldeten Leipziger mit Migrationshintergrund, die unsere Stadt zerlegt und angezündet haben. Die täglich die
Straßenraub-Quote dramatisch wachsen lassen und die deutsche Bürger noch verhöhnen und sich
schlichtweg nicht integrieren wollen.“ 99 % der LVZ-Leser gaben Thilo Sarrazin in einer Telefonumfrage „Recht“, das sind Quoten wie in alten Zeiten. So ist es nicht verwunderlich dass nach einem Nazimord niemand auf die Straße geht, bis auf die Angehörigen des Opfers und ein paar Hundert Politaktivistinnen und -aktivisten.
Dieser Zustand kann nicht geduldet werden, heute gilt es, unseren Ablehnung gegen die LVZ auf die Straße zu tragen.
Doch um dafür zu Sorgen, dass die Taten angemessen aufgearbeitet werden, dass Rassisten zur Verantwortung gezogen werden, dass sich das menschenfeindliche Klima ändert, ist es unbedingt notwendig, eine Kampagne gegen die LVZ ins Leben zu rufen.
Es gilt nicht weniger, als dem größten Leipziger Gossenblatt das Handwerk zu legen und medial Stellung zu beziehen, damit nicht Lichterketten gegen braune Mörder aufgestellt werden, sondern damit ein schlagkräftiger antifaschistischer Selbstschutz den rassistischen Konsens angreift und Nazimorde in der Zukunft unmöglich macht.
Das erste Vorbereitungstreffen wird in ca. zwei Wochen stattfinden und vorher über die üblichen Kanäle kommuniziert. Hoffen wir dass wir erfolgreich sind und dass nie wieder Nazis, vom braunen deutschen Bürgertum bestärkt, morden können.