Redebeitrag Forum Kritische Rechtsextremismusforschung (FKR): LVZ und ihre rassistische Berichterstattung

Die LVZ ist in Leipzig die auflagenstärkste/einzige Print-Tageszeitung neben der BILD. Sie gehört zu den meistzitierten deutschen Tageszeitungen. Sie hat eine Verantwortung. Dieser Verantwortung möchte die LVZ scheinbar nicht gerecht werden. Zwar leisten einzelne Redakteur_innen beachtliche Arbeit. Aber die Gesamtlinie der Zeitung ist dramatisch schlecht. Die LVZ tut nicht nur nichts gegen die alltagsrassistische Stimmung in Leipzig. Sie trägt noch dazu bei und nutzt sie zur Auflagensteigerung – was sie bei ihrer Quasi-Monopolstellung eigentlich nicht nötig hätte.

Es ist nicht das erste Mal, dass wir so etwas thematisieren. Einige Beispiele aus den letzten Jahren:

Bereits 2008 zog eine Demonstration gegen Rassismus – wie heute – vom Südplatz zum LVZ-Gebäude, um gegen die rassistische Berichterstattung der LVZ zu protestieren. Im so genannten „Disko-Krieg“ Ende 2007 hatte die LVZ tüchtig zur Ethnisierung eines Konflikts beigetragen. Aus einem Szene-Konflikt im Türsteher-Milieu machte die LVZ kurzerhand einen Konflikt zwischen „Türstehern“ und „Ausländern“, zwischen Angehörigen einer Berufsgruppe und Menschen mit einem bestimmten Rechtsstatus also. Daraufhin schrieb auch die linksliberale taz, Leipziger_innen würden sich in ihrer Stadt nicht mehr sicher fühlen.

Das Beschwören einer angeblichen Gefahr durch „kriminelle Ausländer_innen“, die „unsere Normalität“ stören und Gewalt in „unsere Städte“ bringen, setzte sich Anfang 2008 fort, als in der Republik die Angst vor „kriminellen ausländischen Jugendlichen“ umging.

Anlässlich dessen hatten FKR und ADB ein Positionspapier veröffentlicht. Aus diesem lohnt es sich heute zu zitieren: „Die aktuelle Debatte findet nicht im luftleeren Raum statt, sie ist ein Teil des Puzzles, das als Ganzes ein Bild von „Ausländern“ als „Problemfall“ ergibt.“

Das Puzzle ist noch immer das gleiche und die LVZ bastelt eifrig daran mit. In jüngerer Zeit ist es vor allem das Gebaren der Zeitung in der so genannten „Sarrazin-Debatte“, das Kritik hervorruft. Die LVZ, insbesondere die Politik- und Wirtschaftsressorts, sprangen auf den Sarrazin-Zug auf und verpassten ihm zusätzlichen Schwung. Sarrazin sei ein willkommener Tabubrecher, der unbequeme Wahrheiten endlich ausspreche. Probleme mit der „Integration“ ließen sich nicht wegreden oder „mit Vanillesoße zugießen“. 99% der Teilnehmenden an einer TED-Umfrage der LVZ hatten unbesehen ihre Zustimmung zu den Thesen Thilo Sarrazins kundgetan. Die LVZ sattelte noch eins drauf und interviewte den nationalkonservativen Hetzer Udo Ulfkotte, der von einer milliardenschweren „Migrations- und Integrationsindustrie“ faselte. Eine Ablenkungsdebatte über Meinungsfreiheit warf den Kritiker_innen vor, sich dem eigentlichen Thema zu verweigern. Rassismus? Darüber schreibt man in der LVZ nicht. Auch für Auseinandersetzungen um Nazi-Demonstrationen kennt die LVZ nur die Sprache der Ordnung.

In dieses Klima hinein tritt nun der Mord an Kamal K. Auch hier laufen die üblichen Muster ab: Unter anderem scheint die Zeitung nicht umhin zu kommen, den Toten in jedem einzelnen Artikel als den „19jährigen Iraker“ zu bezeichnen. Dass zum Trauermarsch vor allem „Iraker und andere Migranten“ gekommen sind, um dem „Landsmann“ die letzte Ehre zu erweisen, wird berichtet. Dass diese sich rassistische Pöbeleien anhören mussten, erwähnt die Zeitung jedoch mit keinem Wort. Der Hinweis, dass Kamal K. „polizeibekannt“ sei (LVZ vom 25. und 26.10.2010), fügt sich auch hier gut in den Chor der Leser_innenkommentare auf LVZ-online ein. Neben Menschen, die Kamal K. persönlich kannten, hinterließen gleich zur ersten Meldung vor allem Menschen ihre Meinung, die nach einer Schuld des Opfers an seinem eigenen Tod suchen.

Dabei ist die LVZ nicht allein Urheberin der Ideen. Weite Teile der aktiven Leser_innenschaft zeigen in Leserbriefen und Kommentarspalten, wo sie stehen. Die LVZ nimmt nun aber diese Leser_innenmeinungen und stellt sie als „die öffentliche Meinung“ dar. Damit verstärkt sie sie. Das ist gefährlich und billig.

Zumal die LVZ darauf nicht angewiesen wäre. Sie hat nicht viel Konkurrenz im Leipziger Blätterwald. Diese Monopolstellung gibt ihr Narrenfreiheit, die sie auch anders nutzen könnte. Es gibt genügend Kodizes zur nicht-rassistischen Berichterstattung, die von der LVZ regelmäßig ignoriert werden. So lange sich daran nichts ändert, so lange werden wir immer wieder und immer weiter protestieren.