Redebeitrag Initiativkreis Antirassismus: Mord an Achmed Bachir 1996

Am 23.Oktober 1996 wurde an dieser Stelle (vor dem Gemüseladen) Achmed Bachir mit einem Messerstich ins Herz von zwei Nazis ermordet.

Die beiden Täter kommen an jenem Oktober-Tag zwischen 11-12 Uhr zusammen und kaufen sich einen Kasten Bier. Am nahe gelegenen Reclam-Gymnasium treffen sie auf einen aus Mozambique stammenden Schüler, dem sie ein Bier und eine Diskussion über Ausländer aufzwingen wollen. Auf Anweisung des einen Nazis spielt der Andere mit seinem Butterflymesser demonstrativ herum. Obwohl die Diskussion nicht aggressiv geführt wird, gelingt es dem Schüler erst ihr zu entkommen, als eine Lehrerin einen der beiden vom Pinkeln in einem Papierkorb abhalten will. Der andere bedroht daraufhin die Lehrerin sofort mit seinem Messer. Seinem Freund gelingt es jedoch ihn zu beruhigen. Danach ziehen sie mit ihrem Bierkasten weiter. Sie steigen am Augustusplatz in eine Straßenbahn und rufen Sprüche zu Hitler und dem 3. Reich. Der eine wuchtelt auch in der Bahn mit dem Messer herum. Einem Fahrgast sagen die beiden, dass sie nach Lindenau fahren wollen um dort einen Ausländer abzustechen. In dem Gespräch fallen Sätze wie:“ Russenschweine; Kommunistensäue; Diesen Moslem stechen wir ab; Den bring ich um.“ Jedoch stiegen die beiden in die falsche Bahn und so kommt es, dass sie um 18Uhr beim Gemüseladen hier in der Karl-Liebknecht- Straße landen. Sie beschimpfen die Verkäufer_innen als „Türkenfotzen“ und „Türkenschlampen“ und drücken sie mit der Rolltheke an die Wand. Dabei zückt der eine Nazi wieder sein Messer. Auf Aufforderungen den Laden zu verlassen, reagieren sie nicht. Da die beiden Verkäufer_innen sich nicht mehr zu helfen wissen, rufen sie Bachir von draußen zu Hilfe. Er wird von den beiden Nazis gleich angegriffen, es kommt zur Prügelei. Bachir gelingt es die Situation zu beruhigen und schiebt einen der Nazis aus dem Laden. Der andere wird wütend und schreit: „ Du Türkenschwein, kriegst Probleme mit unseren Kumpels, wir sind Skins, wir machen dich tot“ und rennt hinaus.Was draußen weiter geschehen ist, lässt sich auch im Gerichtsprozess nicht mehr rekonstruieren. Als Bachir wieder im Laden ist, hat er im Brustbereich eine Stichwunde und bricht zusammen, er stirbt noch an Ort und Stelle. Die beiden Nazis haben noch nicht genug und bewerfen den Laden mit Obst und ziehen dann langsam ab. Sie werden ein in unmittelbarer Nähe verhaftet.

Der Ausländerbeauftragte der Stadt Leipzig Stojan Gugutschkow behauptet später, es hätte JEDEN Ladenbesitzer treffen können und ignoriert damit völlig die während der Tat und im Vorfeld getroffenen Aussagen der Täter, die eine klare rassistische Sprache sprechen. Nein – es hätte eben nicht jeden treffen können, sondern nur jene Menschen, die nicht ins Weltbild der Nazis pass(t)en.
1997, als es zum Prozess kommt, sagt der damalige Oberbürgermeister Lehmann-Grube, dass ihm nie ein rechtsradikales Potenzial in seiner Stadt begegnet sei. Auch im Prozess werden die menschenverachtenden Einstellungen der Täter geleugnet.

Oberstaatsanwalt Röger behauptet vor Prozessbeginn, in Erkenntnis aller Fakten und ihrer Ermittlungen hätte sich die Vermutung eines ausländerfeindlichen Motivs nicht bestätigt. Der Leipziger Staatsanwalt Moser erklärt gegenüber der Tageszeitung „junge Welt“ einen Tag nach dem Mord, dass man aus „irgendeinem ausländerfeindlichen Ausdruck“, noch nicht auf eine entsprechende Gesinnung schließen könne. Die Staatsanwältin Elke Kniehase, die die Anklage vertritt, behauptet, die beiden Täter seien mit sich und der ganzen Welt unzufrieden gewesen und hätten den Tag Beschimpfungen „quer durch den Gemüsegarten“ losgelassen. Kein Wort zu den rassistischen Äußerungen, kein Wort zu den Motiven. Selbst der Anwalt der Nebenklage sprach im Plädoyer mit keiner Silbe von Rassismus oder der menschenverachtenden Ideologie, sondern nannte als Tatmotive „Wut, Zorn, Verärgerung“. Einer der Verteidiger der Nazis stellt am Ende des Prozesses zufrieden fest, dass das „durch die Pressekampagne thematisierte ausländerfeindliche Motiv“ durch den Prozess relativiert worden sei, da es in den Plädoyers der Staatsanwältin und des Nebenklägers nicht mehr auftauchte. Bis heute fehlt Bachir in der offiziellen Statistik von Todesopfern rechter Gewalt.

Wir wollen heute all die Menschen nicht vergessen, die Opfer dieser menschenverachtender Ideologie geworden sind, wie es auch Kamal geschehen ist. Wir dürfen nicht zulassen, dass es wie beim Mord an Bachir dazu kommt, dass rassistischen Einstellungen der Täter im Prozess verharmlost und vergessen werden.