Am 6. Dezember begann am Leipziger Landgericht der Prozess gegen fünf Männer, die für den gewaltsamen Tod des wohnungslosen André K. verantwortlich gemacht werden. Die 16 – 27-jährigen Angeklagten sollen den wohnungslosen K. am 26.5.2011 mit 30 Schlägen und Tritten misshandelt haben, so dass dieser am 1.6.11 infolge seiner schweren Kopfverletzungen verstarb.
Einem weiteren Mann wird vorgeworfen zugesehen zu haben, ohne einzugreifen. Er ist wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt.

* Interview zum Prozessauftakt & zu Gewalt gegen sozial Ausgegrenzte (Radio Corax, 7.12.2011)

* Artikel im Neuen Deutschland vom 07.12.2011, Von Hendrik Lasch

Der Schädel in Trümmern

Im Mai traten im sächsischen Oschatz sechs junge Männer einen Obdachlosen derart zusammen, dass er starb. Im Prozess muss geklärt werden, ob rechte Gesinnung eine Rolle spielte.

Die Anklage, die gestern in Saal 14 des Landgerichts Leipzig verlesen wurde, war nicht umfangreich: Gut zehn Minuten reichen Oberstaatsanwältin Claudia Laube, um zu umreißen, was sich am Abend des 25. Mai 2011 am Südbahnhof der Kleinstadt Oschatz abspielte. Den größten Teil ihres Vortrags widmete sie der beklemmenden Aufzählung von Verletzungen, die der 50-jährige Obdachlose André K. im Verlauf einer hemmungslosen Prügelorgie erlitt: großflächige Blutungen und Blutergüsse, Brüche von Joch- und Nasenbein, Frakturen am Kiefer, Muskelabrisse am Kiefergelenk. K.s Schädel wurde faktisch zertrümmert.
Im Saal sitzen die sechs jungen Männer, die das Leben K.s auf dem Gewissen haben. Zwei werden aus der Haft vorgeführt: Ronny Sch., ein bulliger 27-Jähriger in einem dunkelroten Kapuzenpullover mit Dynamo-Dresden-Aufdruck, dazu der verwirrt wirkende Sebastian B. Drei Mittäter sind auf freiem Fuß, darunter zwei erst 16-Jährige. Sie sitzen mit meist trotzigem Blick neben ihren Verteidigern.
Einer der Jugendlichen wird vom Vorsitzenden Richter Norbert Göbel angesprochen: Man kennt sich aus früheren Verhandlungen.
Der Älteste in der Runde, der 36-jährige Silvio K., gilt nicht als Beteiligter, schritt aber auch nicht ein.
Ihm wird unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen. Dagegen ist das Quintett des Totschlags angeklagt. »Mindestens 30 Mal« hätten die Männer auf den Obdachlosen eingetreten, bis dieser »blutüberströmt am Boden lag«, sagt die Anklägerin. Eine zufällige Tat war der Angriff nicht, stellt Laube klar: Man habe sich verabredet, um K. zu suchen »und zu misshandeln«. Nach dem Überfall seien die Täter weggelaufen »in der Annahme, ihn tödlich verletzt zu haben«. K. lebte aber noch, als er am Morgen in der Wartehalle gefunden wurde. Er starb vier Tage später an einer Lungenentzündung, die er sich infolge der Verletzungen zuzog.
Unklar ist bisher, warum es zu dem Gewaltausbruch kam und ob eine rechte Gesinnung für den
Angriff auf K. mitverantwortlich war. Obdachlose werden immer wieder zur Zielscheibe für Rechtsextreme. So gab es im Jahr 2000 in Mecklenburg-Vorpommern eine ganze Serie von Morden an Wohnsitzlosen. 2008 wurde in Dessau ein Obdachloser von zwei jungen Nazis zum »Bordsteinkick« gezwungen und starb qualvoll; im gleichen Jahr töteten zwei Rechtsextreme auch einen Obdachlosen in Templin. In Sachsen kamen bisher nach Angaben der Leipziger Linkspolitikerin Juliane Nagel mindestens drei Obdachlose gewaltsam zu Tode; kein Fall sei offiziell als rechtsmotivierter Mord anerkannt.
Im jetzt verhandelten Fall haben sich laut Staatsanwaltschaft »Hinweise auf eine rechtsextremistische Motivation … nicht ergeben«. Allerdings wird mit Ronny Sch. zumindest einer der Täter dem nordsächsischen Neonazimilieu zugeordnet; er soll bei Veranstaltungen der NPD-Nachwuchstruppe JN beobachtet worden sein. Ein Leipziger Initiativkreis, der im vorigen Jahr nach dem rechten Mord an Kamal K. gegründet wurde, sieht auch in der jetzt verhandelten Tat ein »rechts motiviertes Hassverbrechen«.
An der Suche nach Motiven dürften auch die Nebenkläger, eine Tochter und ein Sohn K.s, großes Interesse haben. Mehrere Angeklagte kündigten gestern an, sich zu äußern, wenn der Prozess fortgesetzt wird. Das wird allerdings erst am 24. Februar der Fall sein.